Berufsausbildung im Bereich Computerspielproduktion

(Von Lars Espeter / Fachbereichsleiter Game Design and der Designschule Schwerin)

Ihr Sohn oder ihre Tochter ist begeistert von Computerspielen und hat Ihnen kürzlich eröffnet, dass er oder sie in der Computerspielindustrie arbeiten möchte? Jetzt haben Sie natürlich eine Menge Fragen.

Als Fachbereichsleiter und Dozent an der Designschule Schwerin habe ich sehr häufig mit Fragen zu diesem Thema zu tun. Ich bin darüber hinaus seit mehr als zwölf Jahren in der Gamesbranche als Entwickler tätig und weiß sehr gut, welche Voraussetzungen man mitbringen muss und wie der berufliche Alltag und die beruflichen Herausforderungen in diesem Bereich sind. Ich werde im folgenden Text versuchen, die meisten Fragen so umfassend wie nötig und so kurz wie möglich zu beantworten.


Die Computerspiele Industrie heute

Die Herstellung von Computer- und Konsolenspielen wird immer aufwändiger. Durch steigende Ansprüche der Spieler in Sachen Grafik, Komplexität, Technik und Story sind selbst kleinere Produktionen, wie die sogenannten Casual Games, unterhalb eines Produktionsbudgets von mehreren zehntausend Euro nicht mehr durchführbar. Die Produktion von international erfolgreichen Titeln liegt in der Regel, auch in Deutschland, zwischen mehreren hunderttausend und mehreren Millionen Euro. An solchen Produktionen sind mehrere Dutzend bis über hundert Grafiker, Programmierer, Drehbuchautoren, Soundspezialisten, Sprecher, Projektmanager und Marketingspezialisten beteiligt. Je nach Komplexität des Titels arbeiten diese ein halbes Jahr, zwölf Monate, zwei Jahre und - in seltenen Fällen - sogar länger an dem Projekt.

Ohne entsprechende Fachkräfte, die ihr Handwerk verstehen und wissen, worauf es bei der Produktion eines Computerspiels ankommt, wird ein solches Unternehmen zu einem unkalkulierbaren Risiko. Daher sind immer mehr Fachkräfte gefragt.

Ein seriöser Beruf?

Deutschland hat in den vergangenen Jahren einen wichtigen und enorm erfolgreichen Industriezweig extrem vernachlässigt, der in anderen Vereinigten Staaten seit vielen Jahren sehr ernst genommen wird: die Entwicklung und der Vertrieb von Computerspielen. Frankreich und Großbritannien fördern ihre Computerspielindustrie seit Jahren mit öffentlichen Fördergeldern, und Bildungseinrichtungen sind schon vor mehr als zehn Jahren dem Ruf der Industrie nach gut ausgebildeten Fachkräften gefolgt und bilden im Bereich Computerspielentwicklung aus. Das Ergebnis war eine rasant steigende Professionalität der Entwicklungen, die denen nordamerikanischer Firmen in nichts mehr nachsteht.

Mit Budgets und einem Aufwand, der mittleren Hollywood-Filmproduktionen gleicht, sind heutige Computerspielproduktionen auf Spezialisten angewiesen, die ihr Handwerk verstehen - und diese müssen ausgebildet werden.

Ein Beruf mit Zukunft?

Der internationale Spielemarkt boomt. Nicht nur im Bereich der Computer- und Videospielkonsolen werden jedes Jahr mehrere hundert neue Titel auf den Markt gebracht. Es ist vielen Nutzern nicht bewusst, aber die Spiele, die sich heutzutage auf ihren Handys befinden oder die sie in Kaffeepausen oder zu Hause in ihrem Internetbrowser spielen, werden von Entwicklerteams über mehrere Monate oder Jahre entwickelt. Diese müssen bezahlt und organisiert werden.  Später müssen die Titel dann mit Werbekampagnen bekannt und über den Handel an den Kunden herangebracht werden. Die Beliebtheit von Spielen ist nicht nur unter Jugendlichen enorm groß. Auch viele Erwachsene, die Mitte der achtziger Jahre als Jugendliche mit Computerspielen begonnen haben, kaufen diese Titel auch heute noch gerne. Hollywood verfilmt schon seit mehreren Jahre besonders erfolgreiche Spiele mit hohem Aufwand. Die Werbung, zum Beispiel, setzt immer häufiger Spiele als Werbeplattform für ihre Produkte ein. Selbst Schulen nutzen mittlerweile immer öfter Lernspiele, das sogenannte Edutainment, um Schüler spielerisch an Lehrinhalte heranzuführen.

Der Bedarf an Spielproduktionen steigt enorm und damit auch der Bedarf an gut ausgebildeten Arbeitskräften.

Welche Berufsbilder gibt es?

Wenn mir Eltern eine solche Frage stellen, ziehe ich gerne den Vergleich mit einer Filmproduktion heran.
Wenn Sie am Wochenende einen Film genießen, sei es im Kino oder im Fernsehen, verschwenden Sie, wenn der Film gut ist, keinen Gedanken daran, dass alles, was Sie dort sehen, unecht ist. Ein Drehbuchautor hat die Handlung erfunden und über mehrere Monate am Drehbuch gefeilt, ein Regisseur hat dieses zusammen mit einem Storyboard-Zeichner in Szenenbeschreibungen umgesetzt und schließlich die Schauspieler angeleitet, ein Illustrator hat Zeichnungen für Kulissen und Orte angelegt, die von Bühnenbildnern und anderen Handwerkern gebaut wurde, ein Kostümdesigner hat Kleider entworfen und hergestellt, ein Komponist hat die Filmmusik geschrieben und mit einem Orchester umgesetzt, Computereffekt-Spezialisten haben die visuellen Effekte kreiert, und so weiter und so fort.
All diese Berufe finden im Bereich der Computerspielentwicklung eine stellenweise fast deckungsgleiche Entsprechung. Ich habe die gängisten Berufsbilder im folgenden aufgeführt:

Game Designer (Drehbuchautor) - entwickelt die Spielregeln, die Story, die Grundideen für das Spiel an dem sich die späteren Produktion mit den einzelnen Entwicklungsabteilungen orientiert.

Programmierer (Techniker) - diese sorgen dafür, dass die Spielregeln, Grafiken und Soundeffekte vom Computer interpretiert und wie gewünscht auf ihrem Bildschirm erscheinen und auf ihre Handlungen reagieren.

Grafiker - dieser Bereich ist der wohl am breiten gefächertste:

    Leveldesigner (Bühnenbildner) - erstellt die Landschaften, Räume und Szenerien, in denen die Figuren ihre Abenteuer erleben.

    Characterdesigner (Kostümbildner/Maske) - entwirft die Charaktere und Wesen, die in dem Spiel vorkommen.

    3D Grafiker - erstellen Objekte und Charaktere, die später in dem Spiel verwendet werden und die Kulissen füllen.

    Concept Artist (Konzeptzeichner) - entwirft die ersten Skizzen und Entwürfe zu allen Orten, Kulissen, Charakteren und Objekten in Absprache mit dem Game Designer, um den unterschiedlichen Abteilungen und Grafikern eine einheitliche Linie vorzugeben.

    User Interface Designer - erstellt die Benutzeroberfläche der Spiele sowie die Menüs im Spiel, die es Ihnen später ermöglichen, sich im Spiel zurecht zu finden.

Produzent (Produzent) - er hält die organisatorischen Fäden in der Hand und koordiniert mit dem Projektmanager die Produktionsabläufe

Soundeffekt Spezialist - spiele, wie Filme, leben auch über ihre Tonkulissse, die vom Sounddesigner erstellt werden.

Diese Liste ließe sich fortsetzen, aber diese Berufe sind die häufigsten in der Spielebranche und gerade im Bereich Grafik gibt es zwischen den einzelnen Richtungen sehr häufig Überschneidungen. Die Berufsausbildung sollte sich, wie bei anderen künstlerischen Berufen auch, nach der Veranlagung und den Interessen des Auszubildenden richten.

Welche Voraussetzungen muss man mitbringen?

Obwohl es sich um Spiele handelt, bedeutet das nicht, dass man es mit einem spielerisch zu erledigenden Beruf zu tun hat. Besonders in der Endabgabephase eines Projektes, welches immer zu einem bestimmten Termin veröffentlicht werden (und daher vom Entwicklerteam fertiggestellt sein) muss, sind Tage ohne lange Überstunden eher die Ausnahme zur Regel. Dafür entlohnt aber ein tolles Gefühl, wenn man sieht, wie der eigene und der Beitrag der anderen Mitarbeiter schließlich spielbar ist und Spielefans weltweit begeistert. Jemand, der sich, egal in welchem Bereich, beruflich mit Computerspielen beschäftigt, sollte daher auch selber ein begeisterter Spieler sein. Neben dieser Grundvoraussetzung gibt es natürlich noch andere, die ebenfalls wichtig sind:

Abitur oder Realschulabschluss, je nachdem, ob eine Berufsschulausbildung bzw. eine vergleichbare Ausbildung,  oder ein Studium (für Projektmanager / Producer) angestrebt wird. Manche Schulen bieten auch das Nachholen der Fachholschulreife an.

Grundlegende Englischkenntnisse sind aufgrund der häufig internationalen Zusammenarbeit mit anderen Teams und Publishern (Computerspielverlage) von Vorteil. Die Korrespondenz ist für gewöhnlich englischsprachig.

Für Grafiker sind natürlich gestalterische Fähigkeiten eine Erleichterung. Alles kann gelernt werden, aber ein Talent zum Zeichnen, Gestalten und Visualisieren der eigenen Vorstellungen ist eine große Hilfe.

Eine aussagekräftige Mappe ist im Bereich Grafik für die Bewerbung für eine Ausbildung im Regelfall ein Muss.

Für eine Ausbildung zum Programmierer oder ein Informatikstudium sind natürlich Vorkenntnisse in Programmiersprachen (C++, Java, XML), gute Mathematikkenntnisse und eine analytische Herangehensweise an Probleme sehr wichtig.

Von allen Bewerbern kann eine Affinität zu Computerspielen und der Umgang mit den grundlegenden Textverarbeitungsprogrammen vorausgesetzt werden. Diese erleichtern das Leben ungemein - schon während der Ausbildung.

Praxiserfahrung durch Hobbyprojekte, Arbeiten mit Grafikprogrammen in der Freizeit oder (bei Game Designer) eventuell entworfene und durchdachte Spielideen und Erfahrung im Schreiben von Geschichten sowie eine halbwegs sichere Rechtschreibung sind zusätzliche Vorteile, die bei der Bewerbung auf einen Ausbildungsplatz und bei der späteren Stellensuche sehr hilfreich sind.